Kreisgruppe Bochum

Nachtfalteruntersuchungen auf der BUND-Obstwiese in Bochum im Herbst 2020

In den Monaten September bis November wurden auf der Streuobstwiese des BUND Bochum Nachtfalter mit Köder angelockt, bestimmt und gezählt. 45 Arten kamen dabei zusammen.

Zucker, Apfelmus und Rotwein

Rotes Ordensband (Catocala nupta) auf der Streuobstwiese des BUND Bochum. An sich ist der Falter gut getarnt, bei Gefahr aber zeigt er abrupt seine roten Hinterflügel, erschreckt den Angreifer und kann flüchten  (© Armin Jagel, 21.09.2020)

Nach dem ersten gezielten Aufspüren von Nachtfaltern auf der Obstwiese mit dem Leuchtturm (vgl. Nachtleben auf der Naturschutzwiese) wurden ab September die Untersuchungen über drei Monate weitergeführt, nun aber mittels Köder: einem Gemisch aus Zucker, Apfelmus und Rotwein.

Dabei macht man sich zu Nutze, dass viele Nachtfalter im Herbst an Baumsäften und überreifen Früchten saugen. Der Köder imitiert so etwas und hat dabei eine sehr große Anziehungskraft.

Olivgrüne Eicheneule (Dryobotodes eremita) am Köder. Sie ist auf der Borke des Apfelbaums so gut getarnt, dass man sie ohne den Schattenwurf durch den Blitz kaum erkennen kann  (© Armin Jagel, 17.09.2020)

Er wurde regelmäßig auf 15 Obstbaumstämme aufgetragen. Zusätzlich wurden Köderschnüre aufgehängt und halbe Äpfel auf Zweige der Heckensträucher gespießt, die ebenfalls mit dem Köder bestrichen wurden.

Eine Kontrolle der Köderstellen fand täglich etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit statt, alle Tiere wurden bestimmt und gezählt. Das Ergebnis ist eindrucksvoll: Insgesamt fanden sich 45 Nachtfalter-Arten ein, es gab 2038 Beobachtungen!

Sechs Wochen lang täglich neue Arten

Schmalflügelige Holzeule (Lithophane semibrunnea)  (© Armin Jagel, 24.09.2020)

Von Anfang September bis Mitte Oktober wurden täglich neue Arten am Köder entdeckt, zwölf davon nur jeweils an einem einzigen Tag! Das unterstreicht, wie wichtig die Kontinuität bei solchen Untersuchungen ist. Viele der großen Seltenheiten und gefährdeten Arten waren nur an einem oder wenigen Tagen zu finden. Eine davon ist die bei uns sehr seltene Schmalflügelige Holzeule (Lithophane semibrunnea), die sich nur am 24. September einmal kurz blicken ließ. Sie steht auf der Roten Liste der Schmetterlinge NRWs von 2011 als stark gefährdet (RL 2).

Seltene und gefährdete Arten

Ulmen-Gelbeule (Xanthia gilvago), eine sehr seltene Art in NRW  (© Armin Jagel, 22.10.2020)

Ebenfalls stark gefährdet (RL 2) ist die Ulmen-Gelbeule (Xanthia gilvago), die zweimal zum Köder kam. Auch sie ist bei uns sehr selten und wurde im Jahr 2020 nur wenige Male in NRW gefunden.

Insgesamt konnten acht Eulenfalter-Arten gefunden werden, die auf der Roten Liste Nordrhein-Westfalens geführt werden. Das zeigt, wie kostbar unsere Wiese ist!

Weitere Arten im Rückgang

Rost-Wintereule (Conistra rubiginea), eine Art der Vorwarnliste  (© Detlef Mährmann, 17.10.2020)

Weitere Arten unserer Streuobstwiese weisen landesweit starke Rückgänge auf. Sie werden zwar noch nicht in den Rote-Liste-Kategorien geführt, stehen aber auf der sog. Vorwarnliste. Die gibt an, dass es bei der Erstellung der letzten Roten Liste schlecht aussah für diese Arten und man  befürchten musste, dass sie ohne eine Verbesserung ihrer Lebensumstände in eine Gefährdungskategorie rutschen werden.  Hierzu gehört z. B. die Rost-Wintereule (Conistra rubiginea).

Häufige Arten

Braune Spätsommer-Bodeneule (Xestia xanthographa, Noctuidae/Eulenfalter, Lepidoptera/Schmetterlinge)  (© Armin Jagel, 03.09.2020)

Neben den seltenen und gefährdeten Arten sind aber auch die häufigen interessant. Sie tauchen jedes Jahr irgendwann auf, sind über einen langen Zeitraum fast täglich zu finden, werden plötzlich weniger und sind dann wieder ganz verschwunden. Die Braune Spätsommer-Bodeneule (Xestia xanthographa) z. B. war von Beginn der Untersuchungen an zu finden, ihre Anzahl steigerte sich enorm, bis am 6. September 109 Exemplare an den Bäumen saßen. Genau einen Monat später suchte die Art dann zum letzten Mal die Wiese auf. Die erwachsenen Falter (Imagines) sterben ab, die Art überwintert als Raupe am Boden.

Herbsteulen

Rötlichgelbe Herbsteule (Agrochola circellaris), ein ganz "frisches" Tier auf einem Köderapfel  (© Armin Jagel, 28.09.2020)

Am 19. September flog mit der Rötlichgelben Herbsteule (Agrochola circellaris) die erste Herbsteule (Gattung Agrochola) auf der Wiese. Sie hatte mit 38 Exemplaren am 22. Oktober ihren Höhepunkt. Die Zahlen nahmen danach wieder deutlich ab, aber selbst Ende November waren immer noch einzelne Exemplare unterwegs.

Drei verschiedene Herbsteulen-Arten kamen an den Köder, sie sterben im Winter irgendwann ab und überwintern als Ei.

 

Gelbeulen

Linden-Gelbeule (Tiliacea citrago) auf einem Köderapfel  (© Armin Jagel, 17.09.2020)

Ab Ende September traten für einen Monat die Gelbeulen auf den Plan. Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen oft unauffällig bräunlich oder grünlichen Eulenfaltern sind die Gelbeulen auffällige Schönheiten. Ihre Grundfarben in Gelb- und Orangetönen legen nah, dass sie sich dadurch tagsüber gut getarnt im Gebüsch zwischen dem Herbstlaub aufhalten können.

Fünf verschiedene Gelbeulen kommen auf der Wiese vor, davon gehört die Linden-Gelbeule (Tiliacea citrago) sicherlich zu den schönsten.

Wintereulen

Heidelbeer-Wintereule (Conistra vaccinii) am Köder  (© Armin Jagel, 21.09.2020)

Schon wenige Tage nach der ersten Herbsteule kam die erste Wintereule (Gattung Conistra) an den Köder: die Heidelbeer-Wintereule (Conistra vaccinii). Trotz des Namens treten Wintereulen schon im Herbst auf, aber anders als die Herbsteulen überwintern die Tiere als Falter. Und im Winter findet man oft nur noch sie. Die Heidelbeer-Wintereule ist zu dieser Zeit bei uns einer der häufigsten Eulenfalter. Nach ihrem ersten Erscheinen auf der Wiese trat sie fast täglich auf mit einem Höhepunkt am 11. Oktober mit 26 Exemplaren.

Insgesamt kamen fünf "echte" Wintereulen-Arten an den Köder. Im Deutschen zählt man auch die Satelliten-Wintereule (Eupsilia transversa) zu den Wintereulen, sie gehört aber wissenschaftlich in eine andere Gattung.

Und sonst?

Winterfedergeistchen (Emmelina monodactyla) am Köder  (© Armin Jagel, 28.10.2020)

Bei den Besuchern am Köder handelt es sich ganz überwiegend um Eulenfalter (Familien Erebidae & Noctuidae). Zwischendurch saßen aber auch Nachtfalter aus anderen Familien am Köder, wie z. B. Gelbspanner (Opisthograptis luteolata) und Perglanzspanner (Campaea margaritaria). Sie werden nur selten durch Köder angelockt, sondern fliegen eher ans Licht. Die skurrilste Gestalt war sicherlich das Winterfedergeistchen (Emmelina monodactyla).

Natürlich wurden auch Nichtfalter durch den starken Geruch des Köders angelockt, insbesondere Wespen und Hornissen, aber auch bspw. Marienkäfer, Schnecken und Fliegen.

November - Wenig los bei den Eulen

Schwarzgefleckte Wintereule (Conistra rubiginos) am Köderapfel  (© Armin Jagel, 06.12.2020)

Im November war am Köder zunehmend weniger los. Neue Arten kamen nicht mehr dazu. Es waren aber doch immer noch mehr zu finden als in Zeiten vor dem Klimawandel.

Die Herbsteulen tauchten nur noch gelegentlich auf. Die Wintereulen dagegen sterben noch nicht, sondern durchleben den gesamten Winter als Falter. Viele von ihnen machen nicht einmal eine Winterpause, sondern werden den ganzen Winter an den Köder kommen. Wann das der Fall ist, ist für den Menschen schwer zu verstehen.

Die härteste unserer Wintereulen ist jedenfalls die Schwarzgefleckte Wintereule (Conistra rubiginosa). Sie bleibt der Wiese den gesamten Winter treu und kommt auch noch dann zum Köder, wenn es nur knapp über 0 °C ist

Frostspanner übernehmen

Paarung des Kleinen Frostspanners (Operophtera brumata): Weibchen oben, Männchen unten  (© Armin Jagel, 12.11.2020)

Die Aufmerksamkeit auf der Wiese ziehen nun Frostspanner auf sich, die aber nicht zum Köder kommen. Sie nehmen als erwachsene Falter gar keine Nahrung mehr auf. Wenn eine bestimmte Temperatur knapp über Null unterschritten wird, schlüpfen sie aus den Puppen im Boden.

Die bei weitem häufigste Art bei uns ist der Kleine Frostspanner (Operophtera brumata), deren Männchen man jetzt in jedem Wald umher fliegen sehen kann. Oft treten sie zu Hunderten auf. Die Weibchen sehen ganz anders aus als die Männchen. Sie haben keine funktionsfähigen Flügel mehr, krabbeln die Stämme hinauf und warten auf die Männchen. Wenn diese die vom Weibchen abgegebenen Lockstoffe (Pheromone) wahrnehmen, nähern sie sich ihnen und paaren sich. Dies kann dauern und währenddessen sind sie besonders gut zu fotografieren. Zu erkennen ist ein Pärchen schon von weitem daran, dass die Männchen bei der Paarung - anders als sonst - kopfüber sitzen.

Großer Frostspanner (Erannis defoliaria)  (© Detlef Mährmann, 15.11.2020)

Sehr viel seltener findet man auf der Wiese den deutlich größeren und auffälliger gezeichneten Großen Frostspanner (Erannis defoliaria), von dem bisher nur ein einziges Männchen auf einem Strauch sitzend gefunden wurde.

Auch wenn die Art deutlich seltener ist als der Kleine Frostspanner, gehört sie bei uns doch zu den häufigen Arten und ist in NRW weit verbreitet. Wie die meisten Spanner kann man sie am besten mit Lichtquellen anlocken.

Bericht von Armin Jagel & Jonas Mittemeyer, 28.11.2020

Die Untersuchungen liefen noch bis Ende des Jahres, die Ergebnisse wurden beim Bochumer Botanischen Verein veröffentlicht. Wer Lust hat auf einen ausführlicheren Bericht mit allen gefundenen Arten, der kann das hier nachlesen.
JAGEL, A. & MITTEMEYER, J.: Eulenfalter (Erebidae & Noctuidae) in Bochum – Herbstliches Ködern auf einer Obstwiese.