Kreisgruppe Bochum

Mehr als 50 Schmetterlinge in nur einer Nacht auf dem ev. Friedhof in Wattenscheid / Juli 2022

Um die Artenvielfalt auf dem ökologisch ausgerichteten Friedhof in Wattenscheid zu untersuchen, trafen wir uns in einer warmen Juli-Nacht und lockten Nachtfalter an

Ein Friedhof für die Artenvielfalt

Schwarzes Ordensband (Mormo maura) am Köder auf dem ev. Friedhof in Wattenscheid  (© Holger Sense, 02.07.2022)

Seit Jahren wird auf dem ev. Friedhof in Wattenscheid viel getan, um die Artenvielfalt zu steigern. Der BUND Bochum unterstützt dabei die Anlage von Blumenwiesen mit heimischen Pflanzen aus Regiosaatgut (s. Bericht vom 03.04.2021). Der Gehölzbestand wurde von der Friedhofsverwaltung weiter ausgebaut, auch mit bei uns selten gewordenen, heimischen Sträuchern. All diese Pflanzen dienen nicht nur der Schönheit des Friedhofs im Auge des Besuchers und der Besucherin sowie der Verköstigung unserer Wildbienen mit Nektar, sondern auch als Nahrung für Schmetterlingsraupen, die an den Blättern fressen.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Juli wollte es ein kleines Trüppchen vom BUND, der Friedhofsverwaltung und der Kirchengemeinde genauer wissen. Was ist eigentlich nachts auf dem Friedhof los? Oft wird doch erzählt, dass man etwa 90 % unserer Schmetterlingsarten tagsüber gar nicht zu sehen bekommt, weil sie lieber die Dunkelheit vorziehen: die Nachtfalter (oft etwas abschätzig einfach "Motten" genannt). Um sie beobachten zu können, gibt es verschiedene Möglichkeiten, z.B. das Verwenden von einem Köder (einem Gemisch aus Zucker, Apfelmus und Rotwein), den man auf Baumstämme streicht. Um 22:30 h trafen wir uns, trugen den Köder auf und schon eine halbe Stunde später saßen die ersten Nachtfalter daran. Die Freude war groß, denn es handelte sich um eindrucksvoll große Schwarze Ordensbänder (Mormo maura). Sie stehen auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten in NRW. Zwar ist bekannt, dass sie in Bochum vorkommen, aber die Art gilt allgemein als typisch für Auen. Da im weiten Umfeld des Friedhofs weder Bäche noch Flüsse zu finden sind, war die Überraschung groß. Bis 3 Uhr nachts wurden insgesamt zehn Exemplare dieser prachtvollen Tiere gezählt. 

Falter am Köder

Das Rote Ordensband am Köder auf dem ev. Friedhof in Wattenscheid  (© Armin Jagel, 02.07.2022)

Im Laufe der Nacht fanden sich noch weitere Falter am Köder ein. Anfangs waren sie etwas unruhig, wenn man sie mit der Taschenlampe anleuchtete, aber nachdem sie erst einmal ein Weilchen am leckeren Köder gesaugt hatten, ließen sie sich gut beobachten und fotografieren. Manchmal wird spekuliert, ob sie nicht vielleicht sogar einen kleine Schwips von dem Rotwein bekommen und dadurch gelassener werden. Neben einer Hausmutter (Noctua pronuba), der Janthe-Bandeule (Noctua janthe oder janthina) und dem Achat-Eulenspinner (Habrosyne pyritoides) erregte besonders das Rote Ordensband (Catocala nupta) große Aufmerksamkeit. Es ist zwar insgesamt häufiger als das Schwarze Ordensband, aber noch ein bisschen spektakulärer durch seine leuchtend roten Hinterflügel.

Falter am Leuchtturm

Leuchtturm zum Anlocken von Nachtfaltern auf dem ev. Friedhof in Wattenscheid  (© Holger Sense, 02.07.2022)

Eine weitere Methode, Nachtfalter anzulocken, ist die Verwendung eines sog. Leuchtturms, denn es ist weithin bekannt: Motten kommen zum Licht! Auf dem Friedhof ist die sog. "Lichtverschmutzung", wie sie in der Stadt sonst allgegenwärtig herrscht, sehr gering. Nur einige Grablichter setzen hier und da ein paar schwache Lichtpunkte. Die Falter genießen diese Oase inmitten der Wohngebiete von Wattenscheid nicht nur wegen der nächtlichen Ruhe, sondern auch wegen dieser Dunkelheit. Stellt man aber einen Leuchtturm mitten hinein, der mit einer extra für Schmetterlinge entwickelten, besonders im blauen und UV-Bereich leuchtenden Lampe bestückt ist, dann kommen viel Falter zum Turm und lassen sich zum Fotografieren und Bestimmen nieder. Warum sie das eigentlich tun, ist nicht ganz klar, wahrscheinlich sind sie einfach irritiert. Wird der Turm am Ende der Veranstaltung wieder ausgeschaltet, verlassen sie ihn bald und fliegen ihren Weg.

Der Kiefernschwärmer (Sphinx pinastri) am Leuchtturm  (© Armin Jagel, 03.07.2022)

Wir verwendeten an diesem Abend sogar zwei Türme, die weit voneinander aufgebaut wurden. Insgesamt kamen gut 45 verschieden Nachtfalter-Arten zu den Türmen, unter denen der größte der Kiefernschwärmer (Sphinx pinastri) war. Insgesamt fanden sich vier Arten der jüngst erschienenen Roten Liste der gefährdeten Schmetterlingsarten Nordrhein-Westfalens ein. Arten, von denen wohl nur Fachleute bisher etwas gehört haben: Gelbe Blatteule (Enargia paleacea), Dürrwiesen-Zünsler (Synaphe punctalis), Pappel-Blattwickler (Gypsonoma aceriana) und Salatsamenwickler (Eucosma conterminana). Außerdem besuchten uns drei Magerwiesen-Bodeneulen (Agrotis clavis), die auf der Vorwarnliste geführt werden. 

Eine rundum erfolgreiche Ausbeute also, die wir auf dem Friedhof sichtbar machen konnten. Wenn man zu anderen Jahreszeiten leuchtet, kommen noch zahlreiche weitere Arten hinzu und sicherlich auch zusätzliche Rote-Liste-Arten, denn Falterarten fliegen generell nur zu bestimmten Zeiten im Jahr, jede hat ihre eigene, oft kurze Zeit. Den Rest des Jahres verbringen sie als Ei, Raupe oder Puppe.

Und noch mehr

Apfelbaum-Faulholzmotte am Leuchtturm  (© Armin Jagel, 03.07.2022)

Die wohl seltenste Art des Abends war aber weder eine große Art noch eine der Roten Liste, sondern ein kleiner Zwerg, der auffällig gefärbt daher kommt: die Apfelbaum-Faulholzmotte (Epicallima formosella). Sie wurde in den letzten Jahren in NRW nur sehr selten nachgewiesen und es gibt auch insgesamt nur wenige Nachweise von ihr im Land (vgl. Insectis online). 

In Bochum wurden mit den verschiedenen Untersuchungsmethoden in den letzten beiden Jahren etwa 600 Schmetterlingsarten nachgewiesen. Das zeigt, dass es auch auf unserem Friedhof noch viel zu entdecken gibt.

Neben den Nachfaltern gab es natürlich auch andere Gäste am Turm, wie z.B. unzählige, ohne Mikroskop nicht bestimmbare Fliegen, mehrere Käfer-Arten, Schlupfwespen, Brackwespen, Schneider, Wanzen, Zikaden, Weberknechte, Spinnen sowie Wespen und sogar eine Hummel.   

Erschöpft aber begeistert packten wir gegen 3 Uhr die Türme wieder ein und versuchten noch ein paar Stunden bis zum baldigen Sonnenaufgang zu schlafen. Der Tag nach solchen Leuchtnächten ist aber in der Regel bekanntermaßen immer ein sehr müder. Dennoch gibt es immer viel über die Eindrücke der Nacht zu erzählen und man stellt sich manchmal vor, ob nicht die Falter am Tag danach grübeln, was das denn da in der letzten Nacht eigenlich war :) 

Bericht von Armin Jagel & Holger Sense, 03.07.2022

Link: Nachtfalter im Ruhrgebiet