Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der hier beschriebenen Verwendung von Cookies durch den BUND einverstanden. An dieser Stelle können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen bzw. eine erteilte Einwilligung widerrufen. Der Einsatz von Cookies erfolgt, um Ihre Nutzung unserer Webseiten zu analysieren und unser Angebot zu personalisieren.

Kreisgruppe Bochum

Die Orchidee der Stadt - Breitblättrige Stendelwurz

Breitblättrige Stendelwurz in Bochum-Querenburg  (© Armin Jagel)

Man verbindet Bochum nicht unbedingt mit dem Vorkommen von Orchideen. Schaut man aber 130 Jahre zurück, dann gab es im Stadtgebiet immerhin neun Arten, darunter z. B. die Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris), was aus heutiger Sicht unglaublich erscheint. Aber die Quelle ist äußerst zuverlässig: Friedrich Humpert, ein ehemaliger Lehrer des Städtischen Gymnasium Bochum (Gymnasium am Ostring), der sein Wissen über die Flora von Bochum im Jahr 1887 festgehalten hat. Erstaunlich ist aber auch, dass noch heute vier dieser Orchideen im Stadtgebiet vorkommen, drei davon sind absolut selten geworden, das Gefleckte Knabenkraut (Dactylorhiza maculata), das Breitblättriges Knabenkraut (D. majalis) und das Zweiblatt (Listera ovata). Die vierte verhält sich dagegen ganz anders, sie war früher selten und ist heute nicht nur die bei weitem häufigste Orchideenart, sondern auch häufig: die Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine). Seit der letzten Rechtschreibreform ist im Duden auch die Schreibweise "Ständelwurz" zulässig.

Breitblättrige Stendelwurz im Langeloh in Castrop-Rauxel  (© Armin Jagel)

Die Orchidee wächst in Wäldern und in Parks, z. B. im Laerholz und auf dem Kalwes in Querenburg, im Weitmarer Holz, im Ehrenfelder Wiesental, im Bochumer Stadtpark und im Wattenscheider Stadtgarten. Regelmäßig findet man sie auch auf Friedhöfen. Wenn man drauf achtet, entdeckt man sie leicht an Wegrändern oder im Gebüsch. Obwohl sie mit bis zu 90 cm erstaunlich groß werden kann, wird sie oft nicht als Orchidee erkannt, vermutlich weil ihre Blüten überwiegend grün und dadurch nicht sonderlich auffällig sind. Daher bleibt ihr das Schicksal vieler anderer Orchideen erspart, die gerne auch mal ausgegraben werden, um sie in den eigenen Garten zu verfrachten - selbst wenn das in der Regel nicht von Erfolg gekrönt ist. Bei der Breitblättrigen Stendelwurz ist dies gar nicht nötig, weil sie oft von selbst in die Gärten kommt.

Breitblättrige Stendelwurz auf einem Bürgersteig in der Alsenstraße in der Bochumer Innenstadt  (© Armin Jagel)

Die Breitblättrige Stendelwurz hat eine Fülle von Stellen neu erobert, die früher ganz offensichtlich nicht zu ihren Standorten gehörten und so findet man sie heute auch in Zierrasen, in Blumenrabatten, auf Bürgersteigen, in Kellerschächten, an Bahngleisen, auf Brachflächen und auf Bergehalden. Sie ist damit zu einer richtigen Stadt-Orchidee geworden. Genaue Untersuchungen in Holzwickede (Kreis Unna) durch Werner Hessel haben ergeben, dass von der Art in den letzten 15 Jahren fast 1400 Pflanzen in der Gemeinde wuchsen, davon ca. 900 im Siedlungsbereich.

Obwohl die Breitblättrige Stendelwurz heute viel häufiger ist als früher und auch nicht auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzen steht, darf sie nicht gepflückt oder gar ausgegraben werden, denn sie ist gesetzlich geschützt. Dieser Schutz betrifft alle Orchideen und ist auch bei dieser Art sinnvoll, denn es gibt mehrere, sehr seltene und gefährdete Arten, die der Breitblättrigen Stendelwurz so ähnlich sind, dass man sie leicht mit ihr verwechseln kann.

Chlorophyllfreies Exemplar der Breitblättrigen Stendelwurz, 2008 im Botanischen Garten  (© Annette Höggemeier)

Mit viel Glück kann man in Bochum auch einen "Albino" der Breitblättrigen Stendelwurz finden, wie er schon an einem Gebüschrand im Botanischen Garten entdeckt wurde. Die Pflanzen haben kein Blattgrün (Chlorophyll), die Blütenstände hängen oft stark über und die Blüten öffnen sich kaum. Hierbei handelt es sich nicht um eine Mangelerscheinung auf kargen Böden, sondern wohl um einen genetischen Defekt in den Chloroplasten, die für die Bildung des Blattgrüns zuständig sind. Diese Pflanzen sind trotzdem lebensfähig, weil sie eine Symbiose mit Bodenpilzen eingegangen sind, die gleichzeitig eine Mykorrhiza mit Bäumen haben. So wird der Pilze vom Baum ernährt und lässt die Orchidee daran teilhaben.

Armin Jagel (25.01.2017).

Literatur zum Weiterlesen:

DÜLL, R. & KUTZELNIGG, H. 2016: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands. – Wiebelsheim.

HENZE, M. 1996: Vorkommen chlorotischer Pflanzen von Epipactis helleborine im Lindener Wald. - Botanik und Naturschutz in Hessen 8: 87-94.

HESSEL, W. 2017: Orchideen in Holzwickede (Kreis Unna, Nordrhein-Westfalen). - Jahrb. Bochumer Bot. Ver. 8: 72-87. Link: http://www.botanik-bochum.de/publ/OVBBV8_7_Hessel_Orchideen_Holzwickede.pdf

HUMPERT, F. 1887: Die Flora Bochums. - Städt. Gymn. Bochum. Beil. Jahresber. Schuljahr 1886/87. Bochum, 57 S.

MARGENBURG, B. 1997: Epipactis helleborine. Eine Orchidee mit Zukunft. Naturreport (Unna) 1: 85-86.

BUND-Bestellkorb